Thomas Splett

Heidi sieht ein Bild

18.03.2022 – 01.05.2022

Kuratiert von Alexander Steig
Der in München lebende Künstler Thomas Splett sagt lapidar, er mache Bilder. Dabei unterzieht er Alltägliches einem medientechnischen Verfahren und einer bildtheoretischen Analyse, wodurch Erwartungshaltungen nicht nur unterlaufen werden, sondern Versuchen von Neukodierungen begegnen.
In seinem eigens für die Ausstellung im Kunstraum entwickelten Themenkomplex „Heidi sieht ein Bild“ geht er über intermediale Verschränkungen von Wort, Text und Bild die Frage nach dem Sehen, Produzieren und Projizieren an. Die Bühne hierfür gewährt ihm das Mädchen Heidi. Ausgangspunkt seines Projekts bildet der Kinderbuch-Klassiker von Johanna Spyri mit den darin verhandelten Ansichten von (äußerer und innerer) Landschaft und Perspektive der Protagonist:innen. Heidi, so Thomas Splett, sehe eigentlich keine Bilder, „weil sie in der Landschaft lebt, von den (oft für bildwürdig gehaltenen) Dingen selbst umgeben ist. Weil sie hinlaufen kann oder sich umdrehen kann, um etwas zu sehen. Da braucht sie keine Begrenzung, keine Rahmen, keine Bildportionen.“ Und doch – und für Thomas Splett vielleicht die Keimzelle seiner diesbezüglichen Auseinandersetzung – sieht Heidi oder sehen wir mit ihr so etwas ähnliches wie ein Bild: die Reflexion der untergehenden Sonne auf einem entfernten Schneefeld, die sich wie ein Flammenmeer ausnimmt.
Die losen Fäden der Fiktion und deren Rückkopplung in unser Allgemein- und Bildwissen permutieren dabei zu einem kritisch-atmosphärischen Dispositiv im saalartigen Obergeschoss des Hauses. Dafür setzt der Künstler eine filmisch-fotografische Methode ein, die an das sogenannte Closed-Circuit-Verfahren anschließt und dieses ins „Gegenständliche“ zu wenden sucht: Zu sehen sind Bilder, die ihre zeitgleiche Reproduktion und Projektion auf die Bildquelle, auf die Bildgegenstände selbst enthalten. Objekte und Situationen werden mit ihrem eigenen Erscheinen konfrontiert bzw. abgeglichen. Fotografische Barrieren wie beispielsweise die Bildstatik, Zeitlichkeit und Bildgröße werden spielerisch gebrochen und um weitere Parameter der Bildentstehung ergänzt. Diese mehrdimensionalen Schichtungen visualisieren Redundanzen, Rückkopplungen, und Irisationseffekte.
Thomas Splett deutet für seine multimediale Schau „Heidi sieht ein Bild“ einen Parcours an, der das Waisenkind auditiv über das Sehen eines Bildes monologisieren lässt, er platziert großformatige Mediencollagen installativ im Raum, er nimmt mit einer Postkartenstrecke Bezug auf touristischen wie musealen Devotionalienhandel und setzt, stellt und hängt seine „Requisiten“ in die Inszenierung.
Der Roman und seine Heldin dienen nicht selten als Symbol einer prototypisch-romantischen Vorstellung von der Schweiz und von Bergweltheimat. Thomas Splett greift sowohl darauf zurück als auch auf die medialen Entsprechungen in der Populärkultur, vor allem aber auf die Blickwelten der handelnden Personen, und reinszeniert, revidiert und dekonstruiert verfestigte Klischees zu einem immersiven Bildraum, um dem Motivpotential neue und andere Ansichten zuzueignen. Aber es geht auch um das Sichtbarmachen von künstlerischem Verfahren: So wie beispielsweise Jean-Luc Godard durch Montage und Schnitt der Filmillusion entgegenarbeitete, so verhandelt „Heidi sieht ein Bild“, bei allem attraktiven Schauwert seines Projekts, implizit und explizit das Verhältnis künstlerischer Produktion und dem, was man Thema nennt, wie auch was das ist: Ausstellen.

Thomas Splett (1975, Offenbach) hat parallel zu seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste als promovierter Philosoph an den Universitäten München und Potsdam geforscht. Nach seinem Diplom als Meisterschüler von Günther Förg nahm er Lehraufträge an der Hochschule der Künste Bern und der Akademie der Bildenden Künste München wahr. Ferner betrieb er als Mitkurator den Münchner Ausstellungsraum MILCHSTRASSE. 
Splett erhielt zahlreiche Förderungen und zeigt seine Arbeiten im In- und Ausland, zuletzt in der Nida Art Colony of Vilnius Academy of Arts, Schnittstelle Neustrelitz, Studio Galéria Budapest oder der Artothek München.
Jüngst ist im Verlag des Kunstraum München seine umfängliche Publikation „Thomas Splett I-VI/3“ erschienen, die innerhalb der Ausstellung vorgestellt werden wird.

Die Ausstellung wird gefördert von der Erwin und Gisela von Steiner-Stiftung, der Stiftung Kulturwerk und Der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen des Sonderprogramms NEUSTART KULTUR.

Thomas Splett
Heidi sieht ein Bild, 2022
Foto: Thomas Splett

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